Rahsaan Roland Kirk
7.8.1936 - 5.12.1977

Roland Kirk mit Tenor Sax, Stritch und Manzello und weiteren HörnernKirk erblindete schon bald nach seiner Geburt und wurde an der "Ohio State School for the Blind" erzogen. Er spielte Saxophon und Klarinette in einer Schulband ab dem zwölften Lebensjahr. Ab 1951 führte er seine erste eigene Tanz-Band und spielte auch mit anderen Bands in Ohio. Mit sechzehn träumte er bereits davon drei Instrumente gleichzeitig zu spielen, und am nächsten Tag ging er in ein Musikgeschäft und probierte alle Holzblasinstrumente aus.
Man zeigte ihm die "Altlasten" im Keller, unter anderem zwei veraltete Saxophone, die von spanischen Militär-Kapellen der letzten Jahrhundertwende verwendet worden waren: Stritch und Manzello. Das erste ist ein ungebogenes Altsaxophon, das zweite sieht aus wie ein Altsaxophon, klingt aber wie ein Sopran. Kirk nahm beide mit und erarbeitete eine Weise, sie gleichzeitig - zusammen mit einem Tenor Sax - zu spielen. Trotz der dabei entstehenden Intonationsprobleme kultivierte er diese Spielweise und machte sie zu seinem ureigenen Stil.

Kirk an Piano & Tenor SaxEr benutzte auch Sirenen, Pfeiffen und anderes für dramaturgische Effekte in seinem Spiel und profilierte sich zudem als Flötist. Im Laufe der Jahre war er zudem am Baritonsaxophon, an der Mundharmonika und als Sänger zu hören und spielte seine Instrumente in überraschenden Kombinationen (z.B. Klarinette/Baritonsaxophon, Flöte/Manzello, Flöte/Mundharmonika, Flöte/Blockflöte [letztere dann gespielt mit der Nase]).




1956 bereits nahm er sein erstes Album auf, was aber der Öffentlichkeit praktisch entging.
Dann 1960, durch die Hilfe von Ramsey Lewis, erneut für das Cadet Label, was sofort Kontroversen auslöste: Man beschuldigte ihn der Effekthascherei. Kirk verteidigte sich und sagte, dass er alle seine Ideen im Kopf habe und bewusst umsetze. Er war tatsächlich sehr tief in der gesamten Jazztradition verwurzelt, einschließlich der Musik von Jerry Roll Morton und Fats Waller, die bereits Sirenen, Pfeiffen, Hupen und die menschliche Stimme für Klangeffekte verwendet hatten. Für Kirk war Jazz die "schwarze klassische Musik", und er durchtränkte sie in seinem wilden, ungezähmten Geist. Diesbezüglich war er "Purist" - es gab praktisch keine wahrnehmbaren Einflüsse der europäischen klassischen Musik in seiner Arbeit.

1961 arbeitete er für vier Monate mit Charles Mingus , und spielte auf dem Album "Oh Yeah" und tourte mit ihm in Kalifornien. Sein internationales Renommee stieg, und nach seiner Zeit mit Mingus machte er seine erste Tour in Europa und spielte als Solist auf dem Essener Jazzfestival. Seit 1963 machte er regelmässig Tourneen mit seinem eigenen Quartett und spielte dabei auch erstmals in Ronnie Scotts Club in London.

Kirk & Vibration Society 1969Für den Rest der sechziger Jahre und in die siebziger Jahre spielte er mit seiner eigenen Gruppe "Vibration Society" in Clubs, auf Konzerten und Festivals in den USA, Kanada, Europa, Australien und Neuseeland. In dieser Zeit nahm er zahlreiche Alben auf (in Tonstudios und live), zunächst für Mercury Records, später dann bei Atlantic.




1975 hatte Kirk einen Schlaganfall, der eine Seite seines Körpers lähmte. Mit enormen Elan fing er an, mit nur einem Arm weiterzuspielen - ein fast unmögliches Handikap für einen Saxophonisten - und begann erneut überall auf der Welt aufzutreten und spielte auf Festivals und in Fernsehsendungen.

1977 starb er nach einem zweiten Schlaganfall.

Kirk am Tenor SaxKirk war sehr beliebt, nicht nur bei seinem Publikum sondern auch bei anderen Musikern. Er war nicht einzuordnen: ein vollständiger Musiker, dessen Spielweise die ganze Jazzgeschichte seit dem frühem New Orleans beinhaltete, Swing und Bebop bis hin zur Avangarde der sechziger und siebziger Jahre. Während seiner Karriere zollte er immer wieder den Leuten Tribut, die er besonders liebte: Fats Waller, Billie Holiday, Duke Ellington, Lester Young, Thelonious Monk, Sidney Bechet, Don Byas, Roy Haynes, Charles Mingus, Clifford Brown, Barney Bigard und John Coltrane. Er kann weder als Traditionalist noch als Avantgardist bezeichnet werden: seine Musik war immer zeitgenössisch, enthielt aber immer das Wesentliche älterer Spielarten.

Kirk, Dick Heckstall-Smith, Jack BruceEr scheute sich auch nicht über den "Zaun zu blicken" und spielte zum Beispiel auf Sessions mit Jack Bruce, Dick Heckstall-Smith und anderen britischen Rockmusikern. Sein musikalischer Einfluss reicht so auch in die Popmusik hinein: zum Beispiel ist das Flötenspiel von Jethro Tull's Ian Anderson ohne Kirk nicht denkbar (auf der ersten Jethro Tull-Platte ist Kirks Komposition "Serenade To A Cuckoo" zu hören).

Neben seinen zahlreichen eigenen Kompositionen hat er immer wieder Standards aus der Jazzgeschichte neu gestaltet und auch populäre Songs neu interpretiert (zum Beispiel von Lennon/McCartney, Aretha Franklin, Bill Withers oder Stevie Wonder).



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